Moving Our Stories
Eintanzhaus Mannheim: Wie der Vorplatz zum Dorfplatz der Stadt wird.
Das Eintanzhaus in Mannheim verwandelt seinen Vorplatz in einen lebendigen Dorfplatz mit Tanz und Gemeinschaftsaktionen. Die Pop-Up-Performance „Moving Our Stories“ von Catherine Guerin lädt zum Mitmachen ein.
Choreographie: Catherine Guerin mit Mike Planz
Mannheimer Morgen, 5. Juli 2026, von Nora Abdel Rahman
Mannheim. Ein Dorfplatz für die Stadt ist das Motto für ein Sommerkonzept vom Eintanzhaus. Das klingt zunächst widersprüchlich. Gilt doch die Rhein-Neckar-Metropole als Tummelplatz großstädtischer Aktivitäten, geprägt durch Wirtschaft, Politik und Kultur. Und dennoch birgt allein jeder Stadtteil einen Mikrokosmos für sich. Mitten im Zentrum der Quadratestadt hat sich das Eintanzhaus längst den eigenen Dorfplatz vor der Tür geschaffen. Läuft man aus dem lauten Innenstadtverkehr über den Marktplatz in die Seitengassen nach G4 wird es leiser. Kaum um die Ecke gebogen, öffnet sic ein anderer Stadtraum.
In der zum Eintanzhaus umfunktionierten Trinitatiskirche wird bald ein Jahrzehnt getanzt und performt. Und das nicht nur drinnen, sondern immer auch schon draußen. Dazu eignet sich der Vorplatz der Kirche, samt Treppenstufen zum ehemaligen Sakralbau, hervorragend. Hier lässt sich nicht nur im sommerlichen Schatten eines großen – in der Erinnerung ist es ein Lindenbaum – genüsslich speisen, sondern auch Kunst erleben. Da erfüllt das Motto vom Eintanzhaus, der Stadt Mannheim einen Dorfplatz für Zusammenkünfte diverser Gesellschaften zu eröffnen, genialisch seinen Sinn.
An den Tischen der Pizzeria und auf Bänken direkt vorm Eintanzhaus sitzt längst das zukünftige Publikum der Pop-up-Performance „Moving Our Stories“ von Catherine Guerin. Die in Heidelberg ansässige Choreografin, Performerin und Tanzpädagogin spricht von einem hervorragenden Schauplatz für eine Geschichte. Es gehe ihr um eine potenzielle Geschichte, eine Erzählung, die noch nicht da ist, aber die geahnt werden kann. Überhaupt drehe sich, so die Choreografin, in ihrer mit sechs Laientänzerinnen an zwei Tagen und zusammen mit dem Tänzer Mike Planz erarbeiteten Performance alles ums Potential.
Rheinpfalz, von Birgit Karg, 05. Juli 2026
Am Samstagabend wurden Platz und Freitreppe vor der ehemaligen Trinitatiskirche in Mannheim zur offenen Bühne für die Performance „Moving Our Stories“. Am Samstagabend wurden Platz und Freitreppe vor der ehemaligen Trinitatiskirche in Mannheim zur offenen Bühne für „Moving Our Stories“, eine halbstündige Performance, mit der die Tanzschaffenden Catherine Guerin und Mike Planz den Abschluss eines zweitägigen Workshops präsentierten. Eingeladen hatte das Eintanzhaus Mannheim, das einmal mehr zeigte, wie fruchtbar die Öffnung von Tanz in den öffentlichen Raum sein kann.Sechs Tänzerinnen betreten den Platz, scheinbar aus dem Nichts. Sie kommen von irgendwoher, blicken sich um, tastend, suchend, zögernd. Der Raum wird nicht sofort besetzt, sondern vorsichtig erobert. Schritte, Pausen, Richtungswechsel: Bewegung entsteht, als lausche sie zunächst dem Ort selbst. Langsam streben die Körper die Stufen hinauf, hin zu einer verschlossenen Tür – ein starkes Bild zwischen Aufbruch, Grenze, Erwartung und Stillstand.
Beim Zuschauen entstehen Bilder im Kopf, und das ist gewollt: Denn die Performance verhandelt Storytelling-Modelle, verfolgt einen poetisch-offenen Ansatz. Geschichten, so ihr Credo, sind kein festes Narrativ, sondern eine Landschaft aus Körpern und Bewegungen, die sich ständig verwandelt und darauf wartet, gelesen zu werden. Choreograf Mike Planz steuert den Sound am Mischpult: Naturgeräusche, lyrische Musik, Straßenlärm. Catherine Guerin greift zum Mikrofon, gibt Sprachimpulse, kurze Texten mit Fragen: „Was brauchen wir als Betrachter, um eine Geschichte entstehen zu lassen?“ Die Antwort bleibt bewusst offen. Dinge tauchen auf und verschwinden wieder. Jeder im Publikum ist eingeladen, inspiriert durch das Gesehene seine eigene Geschichte zu erfinden.
Die Performance übersetzt Storytelling-Modelle in ein Bewegungsvokabular: Gehen, Rhythmik, Gestik, Standbilder. Daraus entwickeln sich Soli, kleine Gruppen, temporäre Allianzen. Nichts wird festgeschrieben, niemand bestimmt. Stattdessen entsteht ein kollektiver Prozess, ein Miteinander, das sich immer wieder neu formiert. Linien und Kreise zeichnen sich ab, lösen sich auf, werden neu gedacht. Aspekte von Geschichten blitzen auf, ohne je eindeutig zu werden – sinnlich, aber nicht
erklärbar. In der Bewegung lassen sich unterschiedliche Einflüsse erkennen: Urban Dance, Contemporary, Feldenkrais, Qigong und andere somatische Konzepte fließen ineinander, ohne plakativ zu werden. Die Performance, erarbeitet in nur acht Stunden, kreist um den Begriff „Potenzial“ als Möglichkeitsraum – des Ortes, der Menschen, des Körpers als Ausdrucksmittel. Im Fokus steht kein fertiges Produkt, sondern das Sammeln von Erfahrungen im performativen Rahmen. Catherine Guerin beschreibt das als „Poesie in Bewegung“.
Gegen Ende entwickeln die Performerinnen aus dem Motiv einer Linie - vielleicht einer transformierten Warteschlange? - einen „Schlangentanz“. Besucherinnen und Besucher lassen sich spontan ins Geschehen hineinziehen, werden Teil dieser bewegten Geschichte. In „Moving Our Stories“ lassen die beiden Choreografen Körper, Ort und Imagination gleichberechtigt zusammenspielen – was zeigt, wie reich Geschichten sein können, wenn sie geteilt werden. DerAnsatz ist nachvollziehbar, die Darstellung adäquat.